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Hannover Messe 2026: “Die Grenzen der Leidensfähigkeit sind auch im Maschinen- und Anlagenbau erreicht”

20.04.2026

Politik & Wirtschaft

Das lange Warten auf echte Wirtschafts-Reformen und eine anhaltende Welle an Regulierungen zeigt auch im Maschinen- und Anlagenbau zunehmend Wirkung.

Wir hören von immer mehr Mitgliedsfirmen, dass sie am Standort Deutschland zwar festhalten wollen, neue Investitionen aber in anderen Ländern mit besseren Bedingungen tätigen,

sagte VDMA-Präsident Bertram Kawlath auf der Verbands-Pressekonferenz der Hannover Messe. Als Beispiel nannte er den CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) der EU, der viele industrielle Mittelständler vor unlösbare bürokratische Probleme stellt. Zudem verschlechtert er ihre Wettbewerbsfähigkeit auf Drittmärkten spürbar.

Laut aktueller VDMA-Erhebung sagen 40 Prozent der befragten Firmen, dass sie aufgrund der CBAM-Regeln über Unternehmensverlagerungen in Länder außerhalb der EU nachdenken. Mehr als ein Drittel der Befragten rechnet zudem mit einem Stellenabbau wegen CBAM. Die Grenzen der Leidensfähigkeit sind erreicht; wenn die Politik in Brüssel und Berlin jetzt nicht umsteuert, wird der langfristige Schaden in unserer Industrie nicht mehr behebbar sein,

betonte Kawlath.

Politische Kehrtwende unabdingbar

Angesichts der vielen Belastungen, zuletzt nochmals erhöht durch die Folgen des Iran-Kriegs und der US-Zollpolitik, fordert der Maschinen- und Anlagenbau eine echte Kehrtwende.

Eine gute Politik zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts muss breitenwirksam angelegt sein. An die Stelle von kurzfristigem Krisenmanagement müssen durchdachte, strukturelle Reformen treten, die dauerhafte Wachstumsimpulse schaffen,

forderte Kawlath.

Für die deutsche Politik bedeutet dies vor allem:

  • Die Unternehmen brauchen einfachere administrative Prozesse und weniger Bürokratie insbesondere für den Mittelstand. Berichts- und Dokumentationspflichten müssen spürbar reduziert werden. Genehmigungsverfahren müssen beschleunigt und verschlankt werden. Verwaltungsprozesse brauchen einen deutlichen Schub mit Hilfe von Digitalisierung.
  • Zudem müssen die Sozialversicherungsbeiträge auf 40 Prozent begrenzt und die Arbeitszeit an die steigende Lebenserwartung der Menschen gekoppelt werden. Ebenso muss die Wochenarbeitszeit im Durchschnitt steigen. Knapp ein Jahr nach Regierungsbildung ist die angekündigte Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes noch immer in weiter Ferne, obwohl die Maßnahme nichts kostet und einfach umzusetzen wäre. Stattdessen wurden Vorhaben mit neuen Lasten wie die Tariftreue priorisiert.
  • Die Unternehmenssteuern müssen auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau von 25 Prozent gesenkt werden. Es braucht verbesserte Abschreibungsbedingungen sowie steuerliche Erleichterungen bei Verlustvorträgen und -rückträgen. Zudem muss die Steuerliche Forschungsförderung von ihrem Deckel befreit werden.

Positiv hob der VDMA-Präsident hervor, dass jüngst die Gesundheits-Kommission gut gearbeitet habe und die Ministerin viele Vorschläge dieser GKV-Kommission zur Ausgabenbremsung aufgreift.

Kein Verständnis haben wir jedoch für eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze – das ist eine zusätzliche Belastung für Unternehmen in schwieriger Zeit. Die Politik muss den Mut haben, allen etwas abzuverlangen,

sagte Kawlath. Denn:

Unser Standort ist zu teuer und unflexibel, das lässt sich mit keinem Fleiß und keinem Erfindergeist mehr kompensieren.

EU-Politik kontraproduktiv für Wettbewerbsfähigkeit

Die EU-Kommission hat mit ihrem Fokus auf die Wettbewerbsfähigkeit zwar grundsätzlich den richtigen Weg eingeschlagen.

Aber leider wird dieser ,Wind of Change‘ gerade wieder zu einem lauen Lüftchen und manchmal sogar zu Gegenwind für die Industrie,

bemängelte der VDMA-Präsident.

Im Bereich der Digitalgesetzgebung und auch in der Umweltpolitik sind die Vereinfachungsvorschläge viel zu zaghaft und erleichtern das Leben der Unternehmen kaum. Hinzu kommen neue Belastungen, die unsere Mitglieder zur Verzweiflung bringen.

Neben der CBAM-Regulierung stehen hier unter anderem der Critical Raw Materials Act, der Digitale Produkt Pass oder die neue EU-Verpackungsverordnung im Vordergrund, die jeweils zusätzliche Kosten und Bürokratie verursachen, ohne die Wettbewerbsposition der Firmen zu verbessern.

Mit derartigen Maßnahmen erreicht die EU das genaue Gegenteil dessen, was sie eigentlich erreichen möchte: Sie schwächt den Industriestandort Europa!,

warnte er.

Digitalisierung: Unternehmen sind besser als ihr Ruf

Auf der Technologieschau Hannover Messe zeigt der Maschinen- und Anlagenbau, wie die Branche ihren Teil zur Stärkung des Standorts leistet – indem die Unternehmen die Digitalisierung ihrer Produktionsabläufe konsequent vorantreiben. Der VDMA hat dazu eine Umfrage unter seinen Mitgliedern gemacht, die am zweiten Messetag vorgestellt wird.

Darin wird unter anderem deutlich:

  • Künstliche Intelligenz entwickelt sich zur zentralen Schlüsseltechnologie im Maschinen- und Anlagenbau und ist schon heute breit in den Unternehmen verankert. 31 Prozent der Firmen setzen KI bereits produktiv ein, weitere 37 Prozent arbeiten in Pilotprojekten. Insgesamt beschäftigen sich 87 Prozent der Unternehmen intensiv mit den Möglichkeiten von KI.
  • Erfolgreiche Digitalisierung ist eine strategische Führungsaufgabe. Bereits 59 Prozent der Unternehmen verfügen über eine Digitalisierungsstrategie, weitere 19 Prozent planen diese bis Ende dieses Jahres. 88 Prozent der Unternehmen haben ihre Digitalisierungsstrategie mit der Unternehmensstrategie abgestimmt.
  • Der Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland sieht sich digital gut aufgestellt. Drei von vier Unternehmen sehen sich mindestens auf Augenhöhe mit dem Wettbewerb, darunter 42 Prozent gleichauf und 31 Prozent sogar besser positioniert. Nur 20 Prozent der Unternehmen sehen sich aktuell im Rückstand.

Die Branche hat in den vergangenen Jahren eine solide digitale Basis aufgebaut und ist international wettbewerbsfähig – die Realität ist auf diesem Feld deutlich besser als ihr Ruf,

betonte der VDMA-Präsident. Entscheidend für die weitere Entwicklung ist nun die Umsetzungsgeschwindigkeit. Die größten Herausforderungen liegen nicht in der Technologie, sondern in Themen wie IT-Sicherheit, Change Management und Ressourcen.

Humanoide Roboter versprechen große Märkte

Zudem verspricht die Entwicklung von humanoiden Robotern der europäischen Maschinen- und Anlagenbauindustrie riesige neue Märkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette, wie die neue VDMA Future Business Studie „Humanoid Robotics 2040“ aufzeigt. Die Erwartungen sind riesig und reichen bis zu Milliardenumsätzen im Jahr 2040 mit verkauften Stückzahlen von vielen Millionen pro Jahr. Durch Fortschritte in der Sensorik und Aktorik, bei Energiesystemen und vor allem in der Nutzung physischer Künstlicher Intelligenz („Physical AI“) können humanoide Roboter vielfältige neue Aufgaben übernehmen, ohne dass ihre Arbeitsumgebungen umgestaltet werden müssen.

Humanoide Roboter sind gerade für industrielle Produktionsprozesse eine große Chance, weil sie der Gestalt und den Fähigkeiten des Menschen nachempfunden sind und somit in allen Umgebungen einsetzbar sind, die für den Menschen gemacht sind,

erläuterte Kawlath.

Jetzt entscheidet sich, ob Europa Gestalter eines neuen industriellen Ökosystems wird – oder vor allem Anwender fremder Technologien.

Geschäftsfeld Defence eröffnet neue Chancen

Neue Geschäftschancen versprechen sich die Unternehmen auch vom Ausbau der deutschen und europäischen Verteidigungsfähigkeit.

Bei der Herstellung von Rüstungsgütern in hoher Stückzahl, die möglichst preisgünstig sein müssen, kann mit Hilfe des Maschinen- und Anlagebaus eine automatisierte und damit effiziente Produktion aufgebaut werden,

erläuterte Kawlath. Der Maschinenbau werde nicht zur Rüstungsindustrie, sondern Zulieferer bleiben. Aktuell macht die Branche geschätzt etwa 2 bis 5 Prozent ihres Umsatzes im Bereich Defence, und dieser Anteil könnte sich innerhalb von 3 bis 5 Jahren verdoppeln. Allein für dieses und das kommende Jahr wird mit Wachstum im zweistelligen Prozentbereich gerechnet. In der jüngsten VDMA-Konjunkturerhebung (März 2026) bewertete die überwiegende Mehrheit der teilnehmenden Unternehmen die aktuelle Lage im Abnehmerbereich Verteidigungsindustrie als gut oder sehr gut. Zudem rechnet eine große Mehrheit sogar mit einer weiteren Verbesserung der Lage in naher Zukunft, kein anderer Abnehmerbereich wurde so positiv bewertet.

Konjunkturausblick bleibt verhalten

Dennoch bleibt das aktuelle Konjunkturbild im Maschinenbau trübe und der Ausblick ist sehr verhalten. Die Produktion in Deutschland ist im Maschinenbau in den ersten beiden Monaten real um 2,0 Prozent zum Vorjahr geschrumpft, die Bestellungen sanken im gleichen Zeitraum um real 9 Prozent. Die technischen Kapazitäten waren im Branchendurchschnitt im Januar nur zu 77,1 Prozent ausgelastet, die Firmen befinden sich in der Unterauslastung.

Die Stimmung in unseren Unternehmen hatte sich im Jahr 2025 sukzessive verbessert, im ersten Quartal 2026 drehte sich der Wind dann aber wieder. Die Risiken des Iran-Krieges, US-Zölle, dauerhaft erhöhte Energiepreise, eine allgemein höhere Inflation und Störungen in den Lieferketten heizen die nach wie vor hohe Unsicherheit weiter an,

erläuterte der VDMA-Präsident.

Immerhin sollte die Weltwirtschaft robust um gut 3 Prozent wachsen, ergänzte er. Eine allgemeine Erholung des Maschinenbaus im laufenden Jahr hängt daher maßgeblich von der weiteren Entwicklung in der Golfregion ab.

Trotz des schwachen Jahresauftakts gehen wir für 2026 unverändert von einer leichten Erholung der Produktion in Deutschland aus und bestätigen unsere Produktionsprognose von real plus 1 Prozent.

Beschäftigungsabbau setzt sich fort

Die schwierige Entwicklung des Standorts Deutschland spiegelt sich auch in den Beschäftigungszahlen wider. Zum Jahresende 2025 waren knapp 1 Million Menschen im Maschinenbau in Deutschland beschäftigt (in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten). Das waren 2,6 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

Und die Ergebnisse der VDMA-Konjunkturumfrage zeigen an, dass sich der Abbau der Beschäftigung in unserer Industrie am Standort Deutschland weiter fortsetzen wird – umso wichtiger sind jetzt entschlossene Reformen,

betonte Kawlath.

Druck aus China wächst

Der anhaltende Beschäftigungsabbau ist auch Ausdruck eines sich verschärfenden internationalen Wettbewerbs:

Chinesische Wettbewerber setzen den europäischen Maschinen- und Anlagenbau zunehmend weltweit unter Druck. Sie haben technologisch stark aufgeholt und liegen preislich häufig 30 bis 50 Prozent unter europäischen Anbietern, auch begünstigt durch staatliche Subventionen und eine künstlich schwach gehaltene Währung,

sagte Kawlath. Erschwerend hinzu komme, dass sich die wirtschaftliche Situation im wichtigsten Exportmarkt USA durch die neuen US‑Zölle weiter verschlechtert habe.

Brasilien als wichtigster Partner in Lateinamerika

Hoch erfreut zeigte sich der VDMA-Präsident über den Auftritt des Gastlands Brasilien auf der Hannover Messe.

Brasilien und Deutschland verbindet eine lange Tradition guter wirtschaftlicher Beziehungen. Und das Mercosur‑Abkommen sollte den Marktzugang für europäische Hersteller spürbar verbessern,

sagte er. Allerdings sind die Übergangsfristen bis zur vollständigen Umsetzung mit 10 bis 15 Jahren sehr lang, so dass auf die Schnelle nicht mit signifikanten Exportzuwächsen gerechnet werden kann. Brasilien liegt beim Weltmaschinenumsatz mit rund 50 Milliarden Euro in der Rangliste auf Platz 11. Als Exportmarkt für Maschinenbaufirmen aus Deutschland lag das Land mit einem Ausfuhrvolumen von circa 2,7 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf Platz 19. Besonders gefragt in Brasilien sind deutsche Maschinen der Antriebstechnik, Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen, Fördertechnik sowie Fluidtechnik.

VDMA Umfrage: Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM)

Pressemappe HANNOVER MESSE 2026

 

Quelle: © VDMA e. V.

Der VDMA vertritt 3500 deutsche und europäische Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus. Die Industrie steht für Innovation, Exportorientierung und Mittelstand. Die Unternehmen beschäftigen insgesamt rund 3 Millionen Menschen in der EU-27, davon mehr als 1,2 Millionen allein in Deutschland. Damit ist der Maschinen- und Anlagenbau unter den Investitionsgüterindustrien der größte Arbeitgeber, sowohl in der EU-27 als auch in Deutschland. Er steht in der Europäischen Union für ein Umsatzvolumen von geschätzt rund 900 Milliarden Euro. Rund 80 Prozent der in der EU verkauften Maschinen stammen aus einer Fertigungsstätte im Binnenmarkt.